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Flucht vor 75 Jahren

“Guten Morgen”, rufe ich ihm zu. “Heute vor 75 Jahren bin ich geflohen”, antwortet mein Mitbewohner. Eine Antwort, die ich in meinem Leben noch nicht erhalten habe. Und ich lerne Worte, die ich in meiner Kindheit nicht lernen musste. Partisanen, die zwischen 1941 und 1944 im Zweiten Weltkrieg auf sowjetischem Gebiet gegen die deutschen Besatzer kämpften. Sie kamen vor 75 Jahren um 2 Uhr in der Nacht, um den 15 Jährigen zu internieren. “In Deutschland bekommt ihr alles zurück”, haben sie gesagt.  Er hatte 10 Minuten, um das Elternhaus zu verlassen.


Heute erzählt er von seinem Wintermantel, der ihm nach 5 Minuten abgenommen wurde. Sein Bruder kam nicht zurück. Den Zwillingsbruder fand er in Deutschland. 


Mein Mitbewohner wurde 1929 im heutigen Serbien geboren und ist dort aufgewachsen. Und an diesem Jahrestag beginnt er mit seiner Erzählung von der Flucht und der illegalen Einreise nach Deutschland. Von 5 Grenzen, die er mit 16 Jahren illegal überquerte und Maisfeldern, in denen er sich versteckte. Er berichtet von der Zeit im Lager, den Arbeitsbedingungen und dem Hungern. Und er denkt an den Pullover, den er verkaufen musste, um Zug fahren zu können. Dann fehlte das Geld für die Fahrt mit der Fähre.  Er schwamm über den Fluss. In der Nacht klaute er eine Wassermelone vom Feld, um essen zu können. 


Und ich denke an meine minderjährigen Schüler, die ich in einer Flüchtlingsunterkunft in Stuttgart unterrichten durfte. Wir verbrachten den Unterricht im ehemaligen Chemiesaal einer Schule. In den Klassenzimmern, in welchen vor Monaten noch Abiturienten unterrichtet wurden, wohnten meine Schüler. Die Kinder erzählten von ihren Erlebnissen. Und ich weiß, dass auch sie in 75 Jahren berichten werden. Und an diesem Jahrestag sehen wir in den Nachrichten die Aufnahmen vom Flüchtlingscamp Moria. Aktuell können wir ihre Erzählungen noch beeinflussen. 



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