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Deine Mutter wurde belästigt.

Warum ich diesen Text nicht früher geschrieben habe? Vielleicht dachte ich, dass es keinen Grund für diese Erzählung geben würde. Diese Antwort wäre erschreckend. Meine Schilderungen sollten nicht zum Alltag gehören. Meine Gedanken sollten nicht zur Normalität gehören und letztendlich sollte es keinen Grund für diesen Text geben. Es gibt leider genügend Gründe. 


Du bist mir zur Haustür gefolgt. Du wolltest in meine Wohnung. Du gehörst nicht in diese Stadt, nicht in dieses Haus und nicht in meine Wohnung. Deine Hand gehörte nicht an meine Wange, deine Kraft nicht gegen die Tür und deine Stimme nicht an mein Ohr. Du hättest zwei Bahnstationen früher aussteigen müssen. Mehr Schilderungen sind nicht nötig. Wichtig ist nicht die Beschreibung des Tathergangs oder die Beschreibung deiner Handlungen. Auch vor Gericht betreffen die Fragen mein Handeln und nicht deine Straftaten. Warum war ich allein auf dem Heimweg? Weshalb lebe ich in dieser Gegend? Diese Fragen habe ich in meinem Leben kennengelernt. Mädchen lernen, dass sie sich vor Männern schützen müssen. Der Rock ist zu kurz, der Heimweg zu lang und das Oberteil zu aufreizend. Ein Lehrer erklärt meiner Mitschülerin, dass ihr Ausschnitt ihre Mitschüler ablenken würde. Beruhigend, wenn eine Aufsichtspersonen vor der Klasse erklärt, dass Männer nur Opfer der Natur seien. Der Mann, den ich angezeigt habe, war kein Opfer. Er war ein Täter. Und doch erwische ich mich, wie ich vor dem Gerichtstermin meine Kleidung, mein Make - Up und meine Haare überprüfe.


Mein Erscheinungsbild scheint im Alltag eine generelle Berechtigung zu sein. Ich bin eine Frau, deshalb pfeifen mir Männer hinterher und erklären, dies wäre ein Kompliment. Pfeifend. Starrend. Später fragen Männer einen Mitmenschen nach der Uhrzeit. Dann siezen sie. Ein Mann in der Bahn ruft: “Süße”. Ein Bekannter erklärt mir, dass Frauen wollen, dass Männer ihr Dekolleté anschauen. Männer lachen, wenn ich ihnen erkläre, dass dies nicht so ist. Meine Mitschüler haben eine Liste erstellt, in welcher sie die Oberweite ihrer Mitschülerinnen bewerten. In der Universität erklärt mir ein Professor, dass ich für ein Mädchen ausgezeichnet sei „Angetrunkene Männer können nicht anders“, erklärt eine Freundin. Eine Verwandte erzählt, dass ich keinen kurzen Rock tragen sollte. Und was soll ich machen, wenn ein Mann auf lange Röcke und Rollkragenpullover steht? In meiner jugendlichen Verunsicherung trage ich im Alltag einen Schal. Irgendwann fordert ein Mann, dass ich den Schal ablegen soll. Ihm würde der Anblick gefallen.


Es ist ein Kampf. In manchen Situationen versuche ich Autorität auszustrahlen. Vielleicht etwas zurückrufen. “Warum zeigst du nicht einfach deinen Mittelfinger?”, fragt ein Freund. Habe ich gemacht.“Bist wohl prüde, Süße”, hat der Mann geantwortet. Ich habe gesagt, dass ich nicht angefasst werden möchte. “Hast wohl deine Tage”, wurde ich belächelt.

Es ist ein ewiger Kreislauf. Es wird sexistisch, ich wehre mich und bekomme eine sexistische Antwort. Er nennt mich “Süße”. Ich wehre mich. “Du bist empfindlich.” Er fasst mich an. Ich wehre mich. “Hab dich nicht so.” Wenn ich mich wehre, dann bin ich “weinerlich”, “prüde” und “humorlos”.Eine Frau, die sich schützt, wird zur Zicke, die nicht locker genug ist. Wenn ich mich wehre, dann führt meine Reaktion zur sexistischen Gegenreaktion. Und letztendlich kann ich die Belästigung oder den sexistischen Kommentar nicht ungeschehen machen. Die Person hat mich schon berührt, mich erniedrigt oder als sexuelles Objekt betrachtet. Wenn ich mich wehre, dann bin ich eine Zicke. Wenn ich mich nicht wehre, dann bin ich ein Objekt für den Mann.


Ich versuche meinen Mitmenschen mit Respekt zu begegnen. Ich werde von Mitmenschen belästigt.

Der Grund für dieses Verhalten? Ich bin eine Frau.

Und die Ausmaße dieser sexistischen Verhaltensweisen? Gewaltig.

Meine Mutter wurde belästigt. Meine Cousinen. Meine Oma. Meine Tanten. Meine Freundinnen. Meine Nachbarin. Solltest du eine Tochter bekommen, dann wird diese belästigt werden. Solltest du eine Mutter, eine Schwester, eine Freundin, eine Tante haben, dann wird sie wahrscheinlich belästigt worden sein. Klingt scheiße? Ist es auch. Sexismus betrifft alle Geschlechter und nicht nur Frauen oder Männer. Meine Schilderungen sollten nicht zum Alltag gehören, meine Gedanken sollten nicht zur Normalität gehören und letztendlich sollte es keinen Grund für diesen Text geben. Es gibt leider genügend Gründe.

Und wenn wir nicht handeln, dann werden auch unsere Kinder und Mitmenschen genügend Gründe finden.



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