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Das Märchen vom Virus.

Seit Wochen begegnet mir eine Geschichte in Artikeln und Beiträgen. Das Märchen über die Gleichheit der Menschen und das Virus, das nicht auf die Hautfarbe, das Geschlecht oder die Herkunft achtet.

Wir seien gleich. Wir sind nicht gleich. 


„Wir bleiben zuhause“ - bedeutet für Mitmenschen, bleib in der Gefahrenzone, bleib im Gefängnis. Wir leben auf 120 Quadratmeter. Wir haben einen Garten. Wir sind privilegiert. Hinter anderen Wohnungstüren und Masken könnten Menschen von dramatischen Lebenswirklichkeiten erzählen. Während ich meine Erzählung teile, schnappen Menschen in Stadtwohnungen nach Luft. Während wir die Familie vermissen, müssen sich Mitmenschen vor Familienmitgliedern schützen. Während wir die Zeit zur Selbstoptimierung nutzen, hungern Kinder und Mitmenschen, weil Einrichtungen geschlossen sind. Während ich meine Kreativität auslebe, wissen Mitmenschen nicht, ob sie ihre Miete bezahlen können. Während die Kindern der Nachbarn im Garten spielen, versuchen alleinerziehende Elternteile die Betreuung der Kinder mit der Arbeit zu vereinbaren. Und während wir kochen, Sprachen lernen und Yoga machen, gibt es Mitmenschen mit psychischen Erkrankungen, die unsere Beiträge der Selbstoptimierung sehen. Mitmenschen, für welche die Isolation zur Gefahr wird.


„Wir bleiben zuhause“-  bedeutet für Menschen das Gegenteil. Menschen, die in systemrelevanten Berufen arbeiten, sind am Limit. Systemrelevant sind Berufe, die in den letzten Jahren durch Niedriglöhne, Überstunden und Personalmangel aufgefallen sind. Während wir Nudeln hamstern, dreht das Gesundheitssystem seit Jahren wie ein erschöpfter Hamster seine Runden im Rad. Während wir die medizinische Versorgung noch garantieren können, erleben andere Staaten dramatische Zustände. Während ich keine Vorerkrankung habe, gehören Mitmenschen zur Risikogruppe. Zwischen den Wohnungstüren, den Masken und der Unterteilung in systemrelevante Tätigkeit, Kurzarbeit und Home Office liegt ein Abstand, der mehr als 200 Zentimeter beträgt


Heute würde ich gern eine Geschichte veröffentlichen. Eine Geschichte über die neue Gleichheit. Und ich würde gern an die Überschriften glauben, die erzählen, dass wir gleich sind.

Ich möchte aber kein Märchen teilen. Und ich bin zu alt, um an Märchen zu glauben. Lasst uns die Vielseitigkeit nicht übersehen und die Lebensgeschichten hinter den Masken nicht vergessen. Es ist Zeit, um den Abstand zwischen Realität und Märchen zu erkennen.

Ich möchte nicht, dass allein der letzte Satz der Märchen zur Realität wird.

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